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 11.01.2017 18:01
 
Lineal 

Lieber Graf Ortho,

ich bin zwar kein Kind mehr, habe aber dennoch eine Frage:

Warum schreibt mal Lineal mit e und nicht der Aussprache entsprechend mit i oder besser noch mit j ? Ich weiß, dass das Wort vom lateinischen Wort Linea stammt, was so viel wie Linie bedeutet. Aber Latein ist alt und viele lateinische Wörter haben im Zuge ihrer Entwicklung Lautschiebungen durchgemacht. Aber warum ausgerechnet Lineal nicht? Oder gibt es noch mehr Wörter, die das gleiche Schicksal haben, auf e-al enden aber i-al ausgesprochen werden? Bei museal konnte sich das "e" ja behaupten, aber, bei aller Liebe, "Lin-e-al" sagt keiner, selbst der Duden nicht.

Würde mich freuen, wenn jemand dazu eine passende Antwort hätte!

Viele Grüße

Garek

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 13.01.2017 14:51
 
 bearbeitet durch sost  am 13.01.2017 15:53:42

Lieber Garek,

deine Frage habe ich – obwohl sie nicht von einem Kind kommt – an meine Prinzipienwächter weitergeleitet.

„Murmel, murmel, murmel“.

Nur Herr Alt sagte ganz klar: „Da müssen wir von vorne anfangen ...“ „murmel, murmel, murmel“, kam es eher unmutig von den anderen „… und ich weiß nicht, ob es eine zufriedenstellende Antwort auf die Fragen von Garek gibt“, ergänzte Herr Alt. „Na, dann lassen wir es lieber.“, war die einhellige Meinung meiner Truppe. Nur Frau Laut war neugierig geworden. „Aus [e] wird [i]? Wo gibt’s den so was?“ „Vielleicht bei den Beatles! Ich meine natürlich in Fremdwörtern.“, warf Frau Fremd ein. „Das klingt interessant. „Lassen wir doch Herrn Alt erzählen.“ „Nun gut! Es ist ein Versuch wert.“

Nachdem sich meine Prinzipienwächter nun doch darauf verständigt hatten, konnte Herr Alt seine Überlegungen loswerden:

„Bei den Römern war līnearestis eine Schnur aus Leinen.

  • Später wurde es verkürzt auf līnea und die Bedeutung änderte sich. Nun war es ein Leinenfaden, mit dem man gerade Striche ziehen konnte.
  • Und dann änderte sich die Bedeutung erneut. līnea war nun der Begriff für einen gerade gezogenen Strich.
  • In dieser Bedeutung übernahmen wir um die Jahrtausendwende (ca. 1000 n. Chr.) das Wort (ahd. linna und später mhd. linie).

So also kamen wir zur Linie.“

„Und wie wurde aus der Linie ein Lineal?“ Nun kam auch Frau Fremd zum Zuge:

In Fremdwörtern macht die Endung –al aus einem Nomen ein Adjektiv, z. B. Idee – ideal (einer Idee entsprechend), Museum – museal (das Museum betreffend), Katastrophe – katastrophal (einer Katastrophe gleichkommend), Zentrum – zentral (im Zentrum liegend).“

Herr Alt:

„Ja, genauso wurde aus Linie – lineal (aus Linien bestehend). Das [i] vor dem [e] ist verloren gegangen, da lin-i-e-al (mit drei Vokalen nach einander) nur schwer auszusprechen ist. Als Adjektivableitung von Linie hat sich bei uns das parallel gebräuchliche linear erhalten.

Erst im 15. Jhd. entwickelte sich aus dem Adjektiv lineal das Nomen Lineal (Hilfsmittel, um eine gerade Linie zu zeichnen). Vermutlich zur sprachlichen Unterscheidung des Adjektivs lineal und des Nomens Lineal setzte sich beim Nomen die Aussprache [liniál] durch.“

„Vermutlich?“ „Ja, vermutlich! So ganz genau weiß man das halt nicht.“

Erstaunlich! Aus dem Mund von Herrn Alt das Wort „vermutlich“ zu hören.

Viele Grüße

Graf Ortho

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