Lieber Fehlersucher,
Eine Vorbemerkung: Zunächst einmal finde ich es gut, dass Lehrerinnen, Lehrer und Eltern solche Fragen und Anliegen hier in diesem Forum veröffentlichen (können). Bei welchem Verlag, bei welchem Lehrwerk gibt ein so weitgehend ungefiltertes Forum? Für mich sind diese Anmerkungen hilfreich. Zeigen sie doch, wie schwierig es für einige Lehrerinnen und Lehrer ist, die Vorgehensweise im Konzept der Rechtschreibwerkstatt verständlich zu vermitteln oder ihre Rolle als Berater konstruktiv auszufüllen. Auch helfen mir diese Anmerkungen, immer wieder neu über Verbesserungen und Vereinfachungen des Materials nachzudenken. So kann das Konzept kontinuierlich weiterentwickelt werden, was ganz im Sinne einer „Werkstatt“ ist.
Zur Frage: Für welche Schule eignet sich das Konzept?
Das Konzept eignet sich vor allem für Schulen, die die Verpflichtung des Lehrplans zur „individuellen Förderung“ ernst nehmen und konzeptuell an der Schule umzusetzen bereit sind.
Nach meiner Erfahrung bedingt jede individuelle Förderung, dass die Kinder zuvor ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung erreicht haben. Das selbstständige Arbeiten erfordert Methoden mit Selbstkontrolle, damit die Kinder selbst überprüfen können, ob sie die Übung richtig durchgeführt haben. Die Kontrolle der eigenen Arbeit liegt also bei der Schülerin oder dem Schüler. Das funktioniert aber nur, wenn gleichzeitig die Lehrerin oder der Lehrer kontinuierlich überprüft, zu welchem Ertrag die Übungen des Kindes geführt haben.
Kurz gesagt: Die Schüler sind für die richtige Durchführung der Übungen, der Lehrer für die Vermittlung ertragreicher Methoden und die Überprüfung des Lernerfolgs zuständig. Solange ein Kind seine Rechtschreibkompetenz kontinuierlich verbessert, gibt es für die Lehrerin keinen Grund, dem Kind eine Veränderung seiner Lernmethoden anzuraten (bzw. mit ihm einzuüben). Ist der Lernertrag nicht gegeben oder ist dieser gering, dann ist es Aufgabe der Lehrerin mit dem Kind zu besprechen, wie es effizienter Üben kann und die hierfür hilfreichen Methoden mit dem Kind einzuüben.
Hierin steckt ein wesentlicher Unterschied des
Konzepts der Rechtschreibwerkstatt im Vergleich zu anderen Lernkonzepten. Es kommt im Unterricht nicht darauf an, dass die Kinder viel üben sondern dass sie viel lernen. Der beste Unterricht und die beste Übung ist jene, bei der ein Kind mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag erreicht.
Der Lernentwicklungsbericht, die qualitative Textanalyse und bedingt auch die standardisierten Diktate sind Methodenentwicklungen, die der Lehrerin diese kontinuierliche Überprüfung der Lernentwicklung ermöglichen und erleichtern sollen. Ohne dies, kann Rechtschreibwerkstatt nicht funktionieren. Hieraus ergibt sich auch die Antwort auf Ihre erste Frage:
Sollen die Kinder im Rechtschreibunterricht die Lerninhalte selbst bestimmen?
Natürlich nicht! Die Lerninhalte sind vorgegeben durch den Lehrplan und die Ordnung des Sachgebietes (hier: die Ordnung der Rechtschreibung). Die Lehrerin überprüft, welche Vorgaben des Lehrplans vom Kind bereits beherrscht werden und zeigt dem Kind die nächsten Lernschritte auf. Der Begriff „selbstgesteuertes Lernen“ *) bedeutet nicht, dass die Kinder tun und lassen und üben können, was sie wollen. Im Konzept der Rechtschreibwerkstatt wird das Gegenteil gefordert:
- Die Lehrerin legt (im Gespräch mit dem Kind) das aktuelle Teilziel fest
- vermittelt dem Kind verschiedene Methoden (z. B. abschreiben, Selbstdiktat, Aufgaben zum Nachdenken, Arbeiten mit Korrekturtexten), mit dem dieses Teilziel erreicht werden kann und
- stellt entsprechende Materialien ( Abschreibtexte, Wörterlisten, Modellwortschatz) zur Verfügung.
- Welche Methode das Kind nun für sein Üben einsetzt, kann es – eine entsprechende Selbstständigkeit und Methodenkompetenz vorausgesetzt - selbst entscheiden.
- Das Kind hält in einem Protokollheft (Rechtschreibpass) fest, welche Übungen es durchgeführt hat. Die Lehrerin überprüft den Lernerfolgt und kann nun anhand des Rechtschreibpasses mit dem Kind besprechen, wie erfolgreich sein Üben mit den ausgewählten Methoden gewesen ist..
Das eine Kind lernt schneller, wenn es alleine arbeitet und Wörterlisten abschreibt. Ein anderes Kind braucht sprachliche Vorgaben und lernt am besten über Partnerdiktate und Sortierübungen. Wichtig ist allein, ob das Kind mit seinem Üben (seiner individuellen Auswahl der eingesetzten Methoden) erfolgreich ist oder nicht. Wenn das Kind erfolgreich ist, gibt es für die Lehrerin keine Veranlassung, diese selbstständige Auswahl des Kindes zu verändern. Ist das Kind nicht erfolgreich muss die Lehrerin eingreifen und die vom Kind ausgewählten Methoden verändern und z. B. danach fragen: Setzt das Kind die Methode sachgerecht ein? Kann das Kind mit einer anderen Methode ertragreicher lernen?
Wie kann ich mit meinem Kind üben?
Als Vater würde ich vermutlich einen ähnlichen Weg gehen wie Sie. Allerdings würde ich zunächst mit der Lehrerin sprechen, mir den Lernentwicklungsbericht der Kindes zeigen und erläutern lassen und konkret fragen, was mein Kind zusätzlich zu Hause üben kann. Nur wenn ich weiß, wo mein Kind in seiner Lernentwicklung steht, kann es auch gezielt üben.
Wenn mein Kind das nächste Teilziel kennt ergibt sich auch, welche häuslichen Übungen hilfreich sind. Ist das nächste Teilziel beispielsweise die Verbesserung der Aussprache des Kindes, werde ich als Lehrerin Sortierübungen mit dem Modellwortschatz (vorsprechen – nachsprechen – entscheiden) vorschlagen oder mit der Lautkartei üben lassen. Ist das nächste Teilziel, dass mein Kind die Groß-, Kleinschreibung lernen soll, sind Übungen zu den Wortarten (auch hier ist der Modellwortschatz ein gutes Hilfsmittel) sinnvoll.
Zum Schluss:
Ich weiß nicht, welches Unterrichtskonzept in Ihrer Schule favorisiert wird und wie genau die Lehrerin Ihres Kindes vorgeht. Aus meiner Erfahrung im Umgang mit Kindern bei besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens weiß ich, dass die Beherrschung der Kompetenzen auf der Lautebene für den gesamten weiteren Lernerfolg von großer Bedeutung ist. Manche Kinder benötigen viel Zeit, um die hier geforderten Kompetenzen zu beherrschen und eine Lehrerin ist gut beraten, Übungen beispielsweise zur Auslautverhärtung oder zur Kennzeichnung von lang oder kurz gesprochenen Vokalen erst dann den Kindern anzubieten, wenn die Lautebene weitgehend beherrscht wird. Ob dies bei Ihrem Kind der Fall ist weiß ich nicht. Sprechen Sie mit der Lehrerin Ihres Kindes und lassen Sie sich über den Lernstand informieren. Besprechen sie mit der Lehrerin auch, was genau Sie zu Hause mit Ihrem Kind üben können.
Viele Grüße
Norbert
*) Ich selbst verwende diesen Begriff im übrigen nicht, weil er eine Tautologie, ein „weißer Schimmel“ ist. Lernen wird immer vom Lernenden selbst gesteuert. Die Lerninhalte können fremdbestimmt sein. Das Lernen selbst findet jedoch im Kopf des Kindes statt und wird immer von ihm selbst gesteuert. Die meisten, die diesen Begriff verwenden, meinen das „selbstgesteuerte Arbeiten“. Ich favorisiere die Begriffe: eigenverantwortliches „Lernen“ und „selbstständiges Arbeiten“.