Liebe Gabi,
du hast Recht, das ist nicht ganz einfach. Ich stelle mir vor jeder Art von Funktionsprobe oder Diagnostik diese Fragen:
1. Welche Informationen benötige ich von welchem Kind, und wofür?
2. Wie kann ich die gewonnenen Informationen methodisch in spezifische Lernangebote für die Kinder umsetzen?
Als nächstes nutze ich die "schnellen" Funktionsproben zur auditiven und visuellen Wahrnehmung um einen Überblick zu bekommen. Für die meisten Kinder ist die Lautanalyse ja ganz neu und von daher glaube ich genau wie du, dass viele Kinder in den ersten zwei Wochen mit dem BWT restlos überfordert sein werden.
In meinem letzten Durchgang hatte ich allerdings auch Kinder, die schon weiter waren. Sie konnten schon etwas lesen und auch viele Wörter schreiben, allerdings meist auswendig gelernte Nomen.
Mit diesen Kindern habe ich mich einzeln/ in Kleingruppen hingesetzt und mit ihnen die Lesefertigkeit mittels der einfachen Lesewörter überprüft. Dabei konnte ich genau beobachten, wie die Kinder beim Lesen vorgegangen sind, wo es noch hakte und was sie noch brauchten (oft: sch, sp,st, au, ei, eu...)- um so eher konnten sie mit der Arbeit im Lesepass starten.
Auch beim freien Schreiben im kleinen Wörterbuch konnte ich sehr schön beobachten, wie die Kinder einfache Verschriftungsaufgaben bewältigen. Wenn ich dann die Sicherheit hatte: Ja, die wissen schon mit den Lauten und Buchstaben umzugehen, dann habe ich mit einzelnen Kids auch den BWT durchgeführt. Ziel dabei: Herausfinden, welche Kompetenzen sie schon haben und welche Übungen im Hör-, Schreib- und Sehpass sie noch brauchen, bzw. nicht mehr brauchen. Ein Kind hat dann z.B. auch sehr schnell angefangen, mit dem Modellwortschatz zu arbeiten.
Für alle Kinder ist das sicher in den ersten Tagen noch nicht richtig. Einige sind noch so sehr damit beschäftigt, überhaupt in der Schule anzukommen und sich zu organisieren, dass ich dann nicht x Tests mit ihnen durchführen möchte. Viel wichtiger ist mir in den ersten zwei Wochen, zu beobachten, wie sich die Kinder zurecht finden, wie sie an Aufgaben herangehen etc. Da lege ich mehr Wert auf die Etablierung von Strukturen / Orientierungen / Ritualen.
Ich finde, dass für den ersten BWT der Zeitpunkt vor den Herbstferien gerade passend ist. Selbst dann müssen wir einige Kinder noch entlasten, indem wir ihnen sagen, dass es echt super ist, wenn sie auch nur einen Buchstaben des Wortes finden, oder halt nichts hinschreiben - denn sonst verzweifeln sie beim Schreiben, und das wäre fatal. Schließlich nutzen wir die Werte der ersten Runde auch als Bezugswerte für den 2. Test, um zeigen zu können, was die Kinder dazu gelernt haben.
Ich halte mehr davon, Kinder in den ersten 4 Wochen in der Schule gut zu beobachten und mir dazu Notizen zu machen. Erst dann kann ich beurteilen, ob ich noch weitere diagnostische Verfahren einsetzen möchte, um Sicherheit zu gewinnen, oder ob meine Beobachtungen evtl. viel mehr Informationen geben als irgendein (Eingangs-)test.
In der letzten Zeit macht sich so eine Art Testeritis in der Schule breit, die ich für nicht glücklich halte, weil hier suggeriert wird, dass Ergebnisse von solchen Tests "harte" Aussagen über Kompetenzen eines Kindes machen könnten. Dabei übersehen wir leicht, dass solche Tests immer nur Momentaufnahmen sind, die eine Langzeitbeobachtung keinesfalls ersetzen können, sondern allenfalls Hinweise geben.
Ähnlich wie bei den DELFIN 4 - Sprachtests glaube ich, dass es treffsicherer ist, wenn wir uns selbst trauen - als Expertinnen für Lernen von (Grundschul-) Kindern - und unsere Beobachtungen systematischer nutzen würden - (... im Kindergarten könnte man schließlich auch die Erzieherinnen fragen, welche Kinder dort einen Sprache-Förderbedarf haben, dafür müsste nicht ein Lehrer in die Einrichtung gehen und einen fragwürdigen Test mit fragwürdigen Auswertungskriterien durchführen...).
Erst bei spezifischeren Fragestellungen können dann Funktionsproben oder Tests eine weitere Informationsquelle sein, um Hinweise für den Ausbau der Kompetenzen eines Kindes zu bekommen.
Tja, nun ist meine Antwort doch etwas länger geraten - und das aus der Tradition einer Sonderpädagogin, die (früher) mit dem Testköfferchen durchs Land reiste...
Schöne Ferien noch,
Marianne