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 03.05.2002 18:24
 
Lieber Herr Sommer-Stumpenhorst,
als Referendarin an einer Grundschule, arbeite ich seit ca. einem Jahr mit Ihren Materialien. In Kürze habe ich Unterrichtsbesuch in Mathematik und möchte das Zirkeltraining innerhalb einer produktiven Übungsstunde im 1. Schuljahr einsetzen. Dafür habe ich mir die Stationen "Reihe fortsetzen" und "Klassen bilden" ausgesucht. Zur Zeit üben die Kinder Plus- und Minusaufgaben sowie die Zahlzerlegung und gerade/ungerade Zahlen. Ich würde gerne mehr über den Aspekt der Differenzierung wissen, um ausreichend theoretisches (und natürlich auch praktisches) Wissen zu FAZIT zu haben. Worin genau liegt die Differenzierung bei dieser Übungsform??
Für eine baldige Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Herzliche Grüße

anita
neuer Beitrag
 04.05.2002 01:21
 
Liebe Anita,
der Trick bei Fazit ist, dass die Kinder hier Aufgaben stellen. Damit wenden sie ihre konstruktiven Fähigkeiten an (im Gegensatz zu dem Lösen von Aufgaben, wo lediglich reproduktives Wissen abgefragt wird).
Genau darin liegt auch die Differenzierung: Jedes Kind kann genau seine konstruktiven Fähigkeiten einbringen und weiter üben. In der Auseinandersetzung mit anderen Aufgabenstellungen (beim Lösen der Aufgaben) können die Kinder andere Lösungswege kennenlernen und so ihre Kompetenz erweitern.

Zur Differenzierung gehört auch, dass die Kinder selbst entscheiden, was für Aufgabenstellungen und welchen Schwierigkeitsgrad sie sich zutrauen und einbringen wollen. So suchen bsp. ängstliche Kinder zunächst Sicherheit und Halt, indem sie auf bekanntes zurückgreifen und zunächst (vermeintlich) "leichte" Aufgaben stellen, bevor sie sich dann auch an schwierigere Aufgaben herantrauen. Andere Kinder finden den Reiz gerade darin, für die anderen Kinder möglichst "schwierige" Aufgaben auszudenken.

Zur Differenzierung gehört auch, dass Kinder bei für sie unlösbaren Aufgaben die "Aufgabensteller" um Erläuterungen und Hilfen nachfragen. Wenn die gestellte Aufgabe lösbar war, können die anderen Kinder ihre eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln. Wenn sie nicht lösbar war, können die Kinder eigene "Denkfehler" korrigieren.

Da in der Regel die konstruktiven Fähigkeiten hinter den reproduktiven "hinterherhinken" (d. h. die Kinder können schwierigere Aufgaben lösen als sie selbst stellen können) besteht zudem bei Fazit selten die Gefahr der Überforderung. Die Kinder bekommen so fast immer eine positive Rückmeldung über ihr Lernen.

Fazit: Bei dem Trainingssetting Fazit geht die Differenzierung vom Kind und nicht vom Lehrer aus.

Viele glauben, dass Differenzierung ein aktives Handeln des Lehrenden ist. Der Lehrer teilt die Kinder in verschiedene Lerngruppen ein und überlegt sich für die einzelnen Lerngruppen "differenzierte" (d. h. unterschiedliche und den Fähigkeiten der Kinder "entsprechende") Aufgaben.

An Fazit wird eine andere Sicht von Differenzierung deutlich: Ich bin der Auffassung, dass Differenzierung nur vom Kind ausgehen kann. Als Lehrerin stellst du mit Fazit "lediglich" ein Lernsetting zur Verfügung. Dies wird nun von den Kindern nach eigenen Fähigkeiten, Lernmöglichkeiten und auch aktuellen Befindlichkeiten sachbezogen gefüllt.

Ich habe mit so vielen Kindern gearbeitet, dass ich hier bescheiden geworden bin und mir nicht mehr anmaße, entscheiden zu können, was für dieses oder jenes Kind jetzt in dieser Unterrichtsstunde gerade richtig und passend ist. Wenn Kinder eine Zielmotivation aufgebaut haben ("Ich will so lesen, schreiben und rechnen können wie die Erwachsenen.") dann finden sie in der Regel selbst viel besser den richtigen Punkt zwischen Herausforderung und Können, als ich. Fazit - so verstanden und eingesetzt - lockt Kinder an diesen Punkt und unterstützt sie, selbstständige Lerner zu werden.

Natürlich gibt es Kinder, die diese Selbstständigkeit noch nicht besitzen. Diese muss ich unterstützen und dahin führen. Fazit setzt hier "natürliche" Grenzen (entweder das Kind kann eine bestimmte Aufgabe stellen oder es kann dies noch nicht), ohne dass ich eingreifen oder im vorhinein festlegen muss, welche Aufgaben für dieses Kind angemessen sind und welche nicht.

Gerade bei Fazit habe ich gelernt, wie unpassend meine "Vorabeinschätzung" eines Kindes oft war und wie wenig damit meine vorab geplante Differenzierung zutreffend gewesen wäre. Nein: Differenzierung sollte keine Entscheidung von und Kategorisierung durch die Lehrerin sein, sondern vom Kind ausgehen!

Viel Erfolg beim Unterrichtsbesuch und viel Erfolg beim Lernen mit Fazit.

Herzliche Grüße
Norbert

p.s. Ich möchte gerne einmal eine Sammlung von Erfahrungen mit Fazit veröffentlichen. Hättest du Lust, deine Erfahrungen mit Mathe in Klasse 1 hier im Forum (oder per E-Mail) weiterzugeben?
neuer Beitrag
 04.05.2002 01:21
 
Liebe Anita,
der Trick bei Fazit ist, dass die Kinder hier Aufgaben stellen. Damit wenden sie ihre konstruktiven Fähigkeiten an (im Gegensatz zu dem Lösen von Aufgaben, wo lediglich reproduktives Wissen abgefragt wird).
Genau darin liegt auch die Differenzierung: Jedes Kind kann genau seine konstruktiven Fähigkeiten einbringen und weiter üben. In der Auseinandersetzung mit anderen Aufgabenstellungen (beim Lösen der Aufgaben) können die Kinder andere Lösungswege kennenlernen und so ihre Kompetenz erweitern.

Zur Differenzierung gehört auch, dass die Kinder selbst entscheiden, was für Aufgabenstellungen und welchen Schwierigkeitsgrad sie sich zutrauen und einbringen wollen. So suchen bsp. ängstliche Kinder zunächst Sicherheit und Halt, indem sie auf bekanntes zurückgreifen und zunächst (vermeintlich) "leichte" Aufgaben stellen, bevor sie sich dann auch an schwierigere Aufgaben herantrauen. Andere Kinder finden den Reiz gerade darin, für die anderen Kinder möglichst "schwierige" Aufgaben auszudenken.

Zur Differenzierung gehört auch, dass Kinder bei für sie unlösbaren Aufgaben die "Aufgabensteller" um Erläuterungen und Hilfen nachfragen. Wenn die gestellte Aufgabe lösbar war, können die anderen Kinder ihre eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln. Wenn sie nicht lösbar war, können die Kinder eigene "Denkfehler" korrigieren.

Da in der Regel die konstruktiven Fähigkeiten hinter den reproduktiven "hinterherhinken" (d. h. die Kinder können schwierigere Aufgaben lösen als sie selbst stellen können) besteht zudem bei Fazit selten die Gefahr der Überforderung. Die Kinder bekommen so fast immer eine positive Rückmeldung über ihr Lernen.

Fazit: Bei dem Trainingssetting Fazit geht die Differenzierung vom Kind und nicht vom Lehrer aus.

Viele glauben, dass Differenzierung ein aktives Handeln des Lehrenden ist. Der Lehrer teilt die Kinder in verschiedene Lerngruppen ein und überlegt sich für die einzelnen Lerngruppen "differenzierte" (d. h. unterschiedliche und den Fähigkeiten der Kinder "entsprechende") Aufgaben.

An Fazit wird eine andere Sicht von Differenzierung deutlich: Ich bin der Auffassung, dass Differenzierung nur vom Kind ausgehen kann. Als Lehrerin stellst du mit Fazit "lediglich" ein Lernsetting zur Verfügung. Dies wird nun von den Kindern nach eigenen Fähigkeiten, Lernmöglichkeiten und auch aktuellen Befindlichkeiten sachbezogen gefüllt.

Ich habe mit so vielen Kindern gearbeitet, dass ich hier bescheiden geworden bin und mir nicht mehr anmaße, entscheiden zu können, was für dieses oder jenes Kind jetzt in dieser Unterrichtsstunde gerade richtig und passend ist. Wenn Kinder eine Zielmotivation aufgebaut haben ("Ich will so lesen, schreiben und rechnen können wie die Erwachsenen.") dann finden sie in der Regel selbst viel besser den richtigen Punkt zwischen Herausforderung und Können, als ich. Fazit - so verstanden und eingesetzt - lockt Kinder an diesen Punkt und unterstützt sie, selbstständige Lerner zu werden.

Natürlich gibt es Kinder, die diese Selbstständigkeit noch nicht besitzen. Diese muss ich unterstützen und dahin führen. Fazit setzt hier "natürliche" Grenzen (entweder das Kind kann eine bestimmte Aufgabe stellen oder es kann dies noch nicht), ohne dass ich eingreifen oder im vorhinein festlegen muss, welche Aufgaben für dieses Kind angemessen sind und welche nicht.

Gerade bei Fazit habe ich gelernt, wie unpassend meine "Vorabeinschätzung" eines Kindes oft war und wie wenig damit meine vorab geplante Differenzierung zutreffend gewesen wäre. Nein: Differenzierung sollte keine Entscheidung von und Kategorisierung durch die Lehrerin sein, sondern vom Kind ausgehen!

Viel Erfolg beim Unterrichtsbesuch und viel Erfolg beim Lernen mit Fazit.

Herzliche Grüße
Norbert

p.s. Ich möchte gerne einmal eine Sammlung von Erfahrungen mit Fazit veröffentlichen. Hättest du Lust, deine Erfahrungen mit Mathe in Klasse 1 hier im Forum (oder per E-Mail) weiterzugeben?
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 04.05.2002 10:51
 
Lieber Herr Sommer-Stumpenhorst,

erstmal vielen herzlichen Dank für die schnelle und so ausführliche Antwort!!

Gerne werde ich Ihnen von meinen Erfahrungen mit FAZIT berichten. Die Kinder dieser Klasse haben das Trainingsprogramm mit meinem Mentor bereits im Bereich Sprache eingesetzt und ich werde es - wie schon erwähnt - im Mathematikunterricht ausprobieren. Wir können unsere Beobachtungen und Erfahrungen während der kommenden Wochen festhalten und an Sie weitergeben.

Mein Mentor und ich haben schon überlegt, wie man diese vom Kind ausgehende Differenzierung und das eigenverantwortliche Lernen / Üben, wie es im Bereich Sprache an unserer Schule erfolgreich stattfindet, auch im Bereich Mathematik einsetzen kann. Das Zirkeltraining ist eine erster Schritt dahin. Aber es wäre schön, diese Art zu arbeiten viel weiter auszubauen. Das Bedingungsfeld in dieser Klasse ist der Gestalt, dass man sehr stark differenzieren muss und natürlich passiert dies meistens von der Lehrkraft ausgehend (Konzipieren von entsprechenden Arbeitsblättern, Verteilen von passendem Übunsmaterial etc.).

Vielleicht haben Sie ja noch einige Anregungen und Tipps für uns.

Viele liebe Grüße und bis bald!

anita

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